Disco

Junge Menschen lieben es, zu tanzen, das war schon immer so. Während früher Musikanten zum Tanz aufspielten, hat nach dem Ende des zweiten Weltkrieges mit dem Aufkommen echter Jugendkulturen die Disco – das Tanzen zu Musik aus der Konserve immer mehr an Bedeutung gewonnen, zeitweise wurde die Konzertszene durch die immer raffinierter ausgestatteten Diskotheken fast verdrängt. Der gleichnamige Musikstil, der sich als extrem kommerziell erfolgreich erwies, hat dazu wesentlich beigetragen.


Ersatz für Live-Musik

 
Der Terminus „Disco“ (oder „Disko“) beschrieb ursprünglich eine Lokalität mit regelmäßigen Tanzveranstaltungen. Der Name „Discothèque“ ist dabei eine Wortbildung aus „Discos“ (Scheibe) als Synonym für die Tonträger – damals noch Vinylscheiben – und Theke (Kasten, Kiste, Behältnis). Als Vorläufer der heutigen Diskotheken gelten Jukebox-bestückte Bars in den USA der 1930er und Bars in der französischen Hafenstadt Marseille, in denen Seeleute ihre Lieblingsplatten zurückließen, um sie bei ihrer Wiederkehr erneut anhören zu können. Der erste Club, der sich „La Discothèque“ nannte, entstand 1943 in Paris. Da es unter den Bedingungen der Besatzungszeit schwer war Live-Musik zu organisieren, wurden hier Jazz-Platten abgespielt.


The Queen of Disco: Donna Summer
 

Befreites Tanzen
 
Als eigene musikalische Stilrichtung entstand Disco allerdings erst Anfang bis Mitte der 1970er. Sie entwickelte sich aus Einflüssen von Funk, Latin- und Soul-Musik. Typisch war und ist ein eingängiger, tanzbarer Beat („four on the floor“), durchdringende Hi-Hats und markante Bassmelodien, oftmals sind auch gepitchte und verhallte Stimmen zu hören. Gitarren-Melodien, wie sie im Rock üblich sind, sucht man in der Disco-Musik meist vergeblich. Typisch für Disco-Musik und die daraus hervorgegangene Dance Music ist das Ineinandermixen verschiedener Stücke und Sounds durch einen DJ, so dass keine Pausen entstehen und ein andauerndes, häufig ekstatisches Tanzen möglich ist.
Wie die meisten neuen Stile hatte die Disco-Musik anfangs ein politisches Potential. Sie entstand in den Clubs der Afro-Amerikaner, Hispanics und Latinos sowie in der Schwulen- und Lesbenszene von New York und Philadelphia, als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins im Zuge neuer gesellschaftlicher Freiheiten: erst 1969 war in New York das Tanzverbot für gleichgeschlechtliche Paare aufgehoben wurden, die so genannte „Rassentrennung“ nur fünf Jahre zuvor.


Amanda Lear war reichlich “confusing” für das Publikum – Mann oder Frau?
 

Tanzen als Lebensinhalt
 
Kaum ein anderer Musikstil wurde so schnell kommerzialisiert wie Disco. Mitte der 1970er sprangen die großen Plattenfirmen auf und investierten massiv in Disco Musik. „Rock The Boat“ von The Hue Corporation erreichte als erster Disco-Titel 1974 die Spitze der US-Charts, es folgten Songs wie George McCraes „Rock Me Baby“, Hits von Gloria Gaynor, The Jacksons, KC and the Sunshine Band, den BeeGees, Diana Ross und von der „Queen of Disco“ Donna Summer. Gleichzeitig rüsteten die Diskotheken mit immer aufwändigerer Technik, darunter Licht- und Lasershows auf. Mit dem Film „Saturday Night Fever“ schuf Regisseur John Badham eine Blaupause für viele Jugendliche, die wie der Hauptheld Tony Manero (John Travolta) den Rausch des Tanzens suchen, um der eigenen Bedeutungslosigkeit im Alltag zu entfliehen. Der Erfolg auf der Tanzfläche, der perfekte Auftritt, wird zum Ersatz für weiterreichende Lebensentwürfe. Saturday Night Fever löste eine weltweite „Diskowelle“ aus, die sich auch in der Mode und im Lebensstil der Jugendlichen widerspiegelte. Knallbunte Kunststoffanzüge mit gewagten Farbkombinationen, allerhand Glitzerkram und knallenge Hosen mit Schlag stellten das eine Ende des modischen Spektrums dar, am anderen finden sich extravagante und teure Outfits. Männer trugen glänzende Polyester-Shirts mit spitzen Kragen, oftmals über der Brust aufgeknöpft, kombiniert mit Polyester-Freizeitanzügen; Frauen meist fließende, legere Kleider. Beliebt war zudem auffälliger Goldschmuck, dominierende Frisur war die Dauerwelle, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Letztere trugen zudem gern ausladende Bärte, die man heute gern als “porno” bezeichnet.


Ausschnitt aus “Staying Alive”
 

Apropos “porno”: Die Hochzeit der Disco-Musik war mit einem massiven Ge- oder besser Missbrauch von Drogen verbunden, zudem wurde in vielen Discos wie dem berühmt-berüchtigten Studio 54 öffentlich Sex praktiziert. Disco gilt allgemein bis heute als extrem hedonistisch – eine Eigenschaft, die sich auch in den von Disco beeinflussten Szenen wie Techno wiederfindet.

Auf und ab
 
Zu Beginn der 1980er begann die Popularität der Disco-Musik bereits wieder zu sinken. In den USA bildete die „Disco Demolition Night“ im Juli 1979 den Anfang vom Ende der Disco-Ära, in Großbritannien fegte der Punk die Tanzmusik weg. Selbstverständlich nicht für immer: Mit dem massiven Einzug von Synthesizern, Keyboards und Drum-Maschinen in die Popmusik wurden die oftmals aufwändig produzierten Hits zunehmend mit elektronischem Instrumentarium umgesetzt. Der Ausdruck „Disco“ verschwand zugunsten der unbelasteten Termini „Dance Music“ oder „Dancefloor“, die Musik selbst wurde zunehmend funktionaler.


Mit den Schlümpfen erobert Techno den Mainstream und auch Marusha macht auf Schlumpf…
 

Nach Italo- und Euro-Disco (Gazebo, Spagna, Scotch bzw. C.C.Catch, Modern Talking oder britische die Hitfabrik Stock, Aitken & Waterman) in den 1980ern dominierte in Europa Anfang der 1990er Eurodance, eine Kombination aus typischem Dance-Rhythmus, Pop-Refrain und Rap-Strophe. Bekanntester Vertreter dieser Richtung dürfte das deutsche Projekt Snap! sein, noch immer aktiv sind DJ BoBo oder Scooter. Zu dieser Zeit bewegte sich die wichtigste Tanzkultur noch vorwiegend im Untergrund – erst Mitte der 1990er konnte sich Techno zunehmend im Mainstream etablieren. Mit „Nu Disco“ kam es ab 2002 zu einer Wiederbelebung des 1970er Dico und der Anfang der 1980er populären Stile, die Dank modernster Produktionstechnik ein Update erfuhren.


Schlug damals ein wie eine Bombe: Snap! – The Power
 

Den einheitlichen Disco-Modestil gibt es heute nicht mehr. Wenn von Disco die Rede ist, ist damit meist ein Rückgriff auf das Outfit zu Zeiten des „Saturday Night Fever“ gemeint. Allgemein gilt, dass die Bekleidung der Disco-Anhänger von allen Szenen sicher die „erwachsendste“ ist: schicke Markenkleidung, teure Anzüge, edle Kleider bei den Damen. Wie zu Zeiten von Tony Manero heißt es, auf der Tanzfläche König oder Königin zu sein.


Spagna – typische 1980er Disco-Musik
 

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12 Antworten auf Disco

  1. Manuela sagt:

    Toller Bericht von Dir.
    Auch von Amanda.
    Amanda Lear wurde als Mann geboren und ist aber jetzt Frau. (Nach einer damaligen, geschlechtsangleichenden Operation)

    Hier kann man sie als Peki D’Oslo bewundern. So nannte sie sich damals als sie ihre Karriere begann:
    http://www.dianeetlesexedesanges.ch/3colset008/_page-peki-d-oslo.htm

    Und eine der vielen Weggefährten von damals, April Ashley schrieb es in ihrer Autobiography:

    http://www.antijen.org/Aprilv1/

    etwas nach unten scrollen dort.

    Ausserdem hatte auch Romy Haag in ihrem Buch ” Eine Frau und mehr” darüber geschrieben.

    ..um nur einige zu nennen die sie persönlich kannten. Lear hat auch niemals rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichungen eingereicht, weil sie wusste, es würde dann ans Tageslicht kommen.

    -Ian Gibson- schrieb in seiner Biographie über DALI “Und stets siegt die Scham” auch darüber mit Fotobeweisen etc…

  2. admin sagt:

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Kommentar. Ich war schon als kleiner Junge von Amanda Lear begeistert. Ich kann mich an einen Auftritt beim “Kessel Buntes” erinnern, der Samsatagsabend-DDR-Unterhaltungssendung schlechthin. Meine Eltern haben ihre Sprüche über Amanda Lear gemacht, dass man gar nicht wüsste, ob Männlein oder Weiblein. Mir war das schon damals egal. Ich erinenre mich noch daran, dass sie damals ein schwarzes, glitzerndes Kleid trug und lange, über die Ellbogen gehende Handschuhe. Einfach ein faszinierendes Wesen…

    Ich besitze noch immer Amana Lear-Schallplatten und meine Frau greift sich regelmäßig an den Kopf, wenn ich diesen “Disco-Kram” höre. Macht mir aber nichts aus. Ich find’s Klasse. Von der Experimental-Gruppe Black Sun Productions gibt es übrigens eine geniale Cover-Version von Enigma: http://www.myspace.com/blacksunproductions

  3. K.Albert - Bernd sagt:

    Ob Mann oder Frau?
    Amanda ist eine Power-Frau und weiss ihre Fans zu begeistern!
    Go on with that und wen kümmert schon die Vergangenheit?!
    Amanda forever!!!

    • admin sagt:

      Mir ist das auch egal. Es gibt aber immer wieder Anlass für Rätsel.
      Neulich habe ich eine arte-Doku gesehen und da hat Amanda Lear erzählt, das wäre ein bewusst gestreutes Gerücht gewesen, ein Teil ihres mysteriös-sexuellen Images. Die Leute wären später, als sie dann sagte, dass sie eine Frau ist, regelrecht enttäuscht gewesen. Nun ja, wie gesagt, mir ist es letztendlich egal…

      • K.Albert - Bernd sagt:

        Es war ein gezielt gestreutes Gerücht, damit der Absatz der Plattenverkäufe gestärkt wurde(was auch funktionierte)!
        Amanda hätte bestimmt kein Problem damit, wenn es so gewesen wäre! Ich finde es trotzallem super klasse, dass Amanda nie der Norm entspricht. Sie weiss genau, was sie tut. Übrigens ihre neue CD “I don`t like disco” ist es wert, la reine du disco hochleben zu lassen!!! Foreverglam Amanda!!!!!!!!!!!!!!!

  4. K.Albert-Bernd sagt:

    Toller Clip!
    Übrigens war ich vor 2 Monaten in Paris im Theaterstück”Lady Oscar” und kann sagen Amanda sieht blendent aus. Kompliment!!!!

    • admin sagt:

      Ich merke schon, Du bist ein echter Fan!
      In meinem Freundeskreis stösst meine Begeisterung für Amanda Lear auf Verwunderung, da ich sonst eher “Krach”, also Noise und Industrial höre. Aber die gute Frau hat sich mir in meiner Kindheit so eingeprägt, da komme ich nicht mehr los davon :-)

      • K.Albert-Bernd sagt:

        Ich höre vieles von M. Manson,über Lene Lovich, Kate Bush bis hin zu “La Lear”! Amanda sah ich das erste Mal im Beat Club mit dem grandiosen Song”La Bagarre”! Danach ging der Hype für mich los!!!
        With love Bernd

  5. Manuela sagt:

    Hallo K.Albert-Bernd !

    Ich wäre sehr vorsichtig andere Leute als Lügner zu strafen die mit ihr damals arbeiteten und sie noch als Mann kannten.
    Das sie geistig immer Frau war ist ausser Frage, nur der Körper eben nicht.

    Manu

  6. admin sagt:

    Hier wird niemand gestraft! :-)
    Ausserdem entspricht das, was K.Albert-Bernd schreibt, auch dem, was Amanda offiziell verkündet…

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