Entstanden ist die Subkultur des Punk Mitte der 1970 Jahre in New York und London. Der amerikanische Punkrock mit Vertretern wie The New York Dolls, The Stooges, MC5 oder Ramones spielten eine simple Form des Rock’n’Roll. Technischer Perfektionismus und künstlerischem Anspruch der etablierten Bands bzw. der Inhaltsleere der Disco-Musik traten sie in ihren schnellen, kurzen Songs mit roher Energie, wütend, aggressiv und illusionslos entgegen.
Hey Ho! Let’s go!: Die legendären Energieausbrüche der Ramones
In England fiel diese Mischung auf einen fruchtbaren Boden und wurde hier zur Subkultur. Das starre Gesellschaftssystem mit seinen zahllosen Normen und die schlechten Zukunftsaussichten vieler Jugendlicher waren die perfekte Nahrung für den anti-bürgerlichen, nonkonformen Stil. Mit „No Future“ auf den Lippen und als Slogan auf der Jacke wollten die Punks ihre Umwelt provozieren und den Spiegel vorhalten: „Seht her wir sind Dreck und wir scheren uns nicht darum, was ihr über uns denkt!“ Statt sich den herrschenden Marktmechanismen anzupassen, nahmen die Punks ihre Sache in die eigene Hand. Das Motto lautete D.I.Y. – Do it yoursef: selbst produzierte Platten, Fanzines und Kleidung statt Waren aus dem Supermarkt. Dabei wurde bewusst auch das Dilettantische zelebriert.
In modischer Hinsicht negierten die Punks von Anfang an das allgemeine Schönheitsideal. Stattdessen war „Hässlichkeit“ Trumpf: zerfetzte Kleidung, Sicherheitsnadeln und Rasierklingen, Nieten, Kampfstiefel, Ketten, Bondage-Kleidung, Buttons und Aufnäher (Patches). Später kamen auch noch zahlreiche Körpermodifikationen wie Tattoos und Piercings hinzu, die in der Punkszene noch immer weit verbreitet sind.
Auch modisch stilprägend: The Exploited
Trotz all dieser Anti-Haltung sorgte eine heute weltweit angesehene Modedesignerin für die Popularisierung des Punkstils und damit auch für seinen zitathaften Eingang in den Mainstream: Vivian Westwood. Gemeinsam mit Malcom McLaren gründete sie 1971 die erste eigene Boutique, 1974 eröffnete das Paar ein Geschäft für Erotik- und SM-Artikel unter dem Namen „Sex“. Mc Laren der als Manager der Sex Pistols ein Meister des kalkulierten Skandals ist, machst als genialer Werbestratege die Band und damit die von Vivian Westwood entworfene Bühnenoutfits bekannt. Nicht nur das archaische Auftreten der Sex Pistols bewegte viele Jugendliche zur Gitarre zu greifen und selbst Musik zu machen, ihr Look ermutigte Modeinteressierte, ihre eigenen Kreationen zu entwerfen und in der Öffentlichkeit zu tragen.
Mindestens genauso wichtig für den typischen Punk Style wie Vivian Westwood waren aber auch Bands wie The Exploited oder The Ramones. Letztere trugen die noch heute gültige „Uniform“ vieler Independent-Szenen: T-Shirt, Jeans, Lederjacke, selbstverständlich alles recht runtergekommen und schmutzig. Von vielen Punks gern getragen wurden auch einfache Sachen aus dem Second Hand-Laden, meist auf ungewöhnliche, an sich widersprüchliche Weise miteinander kombiniert. Aber auch unmoderne Blazer und andere Stücke aus dem Kleiderschrank der Großeltern, selbstverständlich modifiziert, fanden Eingang in die Punk-Mode. Absichtlich zerrissene und zerschnitte Stücke hielten Sicherheitsnadeln oder Tape in Form, Müllsäcke ersetzten Hemd und Jacke, Alltagsobjekte wurden als preiswerte und witzige Accessoires eingesetzt.
Gespielt wurde auch mit den typischen geschlechtsspezifischen Rollenklischees. So trugen männliche Punks Röcke, darunter auch schottische Kilts, verwendeten Make Up und stylten sich androgyn. Frauen wiederum trugen typische Männersachen, gern auch kombiniert mit „typisch“ weiblichen Kleidungsstücken wie einem Ballet-Tutu.
Die einflussreichste Band des Punk schlechthin:
The Sex Pistols mit einem irre dreinblickenden Johnny Rotten am Mikrophon
Fast auf jedem Outfit zu sehen: Slogans, von politisch bis gaga, von platt bis witzig sowie kontroverse Motive wie Portraits von Stalin oder Mussolini. Punk wollte und will noch immer provozieren. Der bekannteste Affront gegen den guten Geschmack bzw. die political correctness des Mainstreams ist der Auftritt von Sex Pistols-Bassist Sid Vicious mit einem Hakenkreuz-T-Shirt im Film „The Great Rock’n’Roll Swindle“. Der wollte damit nur eins: provozieren!
Besonderen Wert legen Punks seit jeher auf ihre Frisur. In Opposition auch zu der als lasch empfundenen Hippiebewegung und zur komplett kommerzialisierten Disco-Szene wurden die Haare zuerst extrem kurz geschnitten, später mit viel Haarspray aufgestellt und gefärbt. Noch immer sind ausrasierte Seiten, ins Haar geschnittene Muster oder komplett „verschnittene“ Haare zu sehen. Der bekannteste Punk-Haarstyle ist der Irokesen-Schnitt oder Mohawk, wie der Haarschnitt im Englischen heißt.
An den Füßen trugen und tragen Punks vor allem ausgediente Kampf- und Motorradstiefel, so genannte Creepers, flache Schuhe mit einer Kreppsohle aber auch Sportschuhe wie Puma Clydes oder Chucks. Nicht zu vergessen grobe Arbeitsschuhe wie die berühmten Dr. Martens. Gern werden diese Stücke von Hand bemalt und mit Parolen oder Mustern verziert.
Für die einen Kommerz, für die anderen immer noch Punk: Green Day aus Kalifornien
Punks sind insbesondere in autoritären Systemen nicht gern gesehen. In der DDR wurden die Jugendlichen regelrecht zu Staatsfeinden erklärt, die Gruppierungen regelrecht zersetzt. Dabei betrachteten sich die meisten DDR-Punks nicht als explizit politisch, wollte nur ihre persönlichen Freiheit ausleben und andere Weg gehen, als die vorgeschriebenen. Mit ihrer Leck-mich-am-Arsch-Einstellung un der No-Future-passten sie nicht in das offizielle Bild vom engagierten, Parteitreuen sozialistischen Jugendlichen. Man sah das “zersetzende” Potential der Punks als gefährlich an und versuchte sie, soweit es ging, zu verdrängen oder einzuschüchtern, damit sie sich anpassten. Manchmal gelang dies, andere Punks wurden erst durch die staatlichen Repressionen politisiert und zu echten Regimegegnern. Ähnliche Tendenzen lassen sich heute in Ländern wie Myanmar beobachten.
Doch nicht der Staat allein zeigte und zeigt sich als Feind der Punks. Auch der ganz normale Bürger, der Spießer, ist vom “asozialen” Auftreten der Punks, ob sie nun Bier trinkend im Park sitzen, vorm Supermarkt schnorren oder einfach nur da sind, nicht immer angetan. Bezeichnend dafür ist, dass die Punks in Ost wie West – u.a. beschrieben in Jürgen Teipels Buch “Verschwende Deine Jugend” – mit Angriffen der Stinos leben mussten. Nicht selten bekamen die Punks Sprüche wie “Ihr gehört alle vergast” zu hören, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs!
To much future – Ein Rückblick auf den Ostpunk
Wie viele andere Jugendszenen hat sich die Punkszene mittlerweile in zahllose Untergruppierungen aufgespalten, weshalb es mittlerweile auch schwer ist, von einer Punk-Mode zu sprechen, trotz gewisser ästhetischer Standards. In einer von Bildern und Reizen überfluteten Welt ist es zudem immer schwerer geworden zu schockieren. So gefällt sich der eine Teil der Szene darin, bunt maskiert mit dem Bier in der Hand in den Fußgängerzonen der Städte „abzuhängen“, zu „schnorren“ und „Spießer“ zu schockieren. Musikalisch drückt sich diese Geisteshaltung in inhaltlich und ästhetisch erstarrten Außerungen aus, die ansonsten den Regeln des Pop-Business folgen und das jugendliche Aufbegehren in verkaufsfördernde Bahnen lenkt. Für den andere Teil der Szene ist Punk jedoch in erster Linie eine nonkonforme Geisteshaltung. Noch immer sind viele Punks vorrangig im politisch linken Spektrum oder in sozialen Projekten engagiert. Noch immer halten sie ihre D.I.Y.-Ideologie hoch als Gegenentwurf zur kapitalistischen Verwertungsgesellschaft. Dieser Teil der Szene mag der kleinere sein, sein Einfluss auf Kunst, Kultur und Gesellschaft ist jedoch nicht zu unterschätzen.
Die Ästhetik ist ein bisschen zu nihilistisch, die Attitüde ist aber gut.
Solange man nicht im “Fuck you all” erstart, ist die Attitüde Ok. Viele Punks sind aus meiner Sicht heute extrem konservativ…
Sehr schöner taz-Artikel zum aktuellen Revival des Punk:
http://www.taz.de/Die-Rueckkehr-des-Punkrock/!94054/
Am 8.11. eröffnet in der Staatsgalerie Prenzlauer Berg die Ausstellung „East End – Punk in der DDR (Fotografien 1982 – 1984)”. Organisiert wird die Schau von Michael Boehlke, aka Pankow, der bereits als Initiator des “Ostpunk”-Films in Erscheinung trat.
http://prenzlauerberg-nachrichten.de/alltag/_/die-boheme-punks-von-prenzlauer-berg-17945.html
Der letzte Punk von Linz:
http://derstandard.at/1360161196704/Einer-der-letzten-Linzer-Punks